Warum ich nichts mehr erklären will
- Martin Dollhäubl

- 24. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Im Kern möchte ich nicht mehr erklären, wie das Leben funktioniert. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, sondern weil ich selbst nicht mag, wenn mir jemand das Leben erklärt.
Ich habe gemerkt, dass Erklärungen oft mehr Abstand schaffen als Nähe. Sie ordnen ein, benennen, strukturieren – und nehmen dem Erleben dabei etwas von seiner Lebendigkeit. Das Leben lässt sich beschreiben, aber nicht festhalten. Und schon gar nicht endgültig erklären.
Ich möchte das Leben erfahren. Nicht verstehen im theoretischen Sinn, sondern spüren. Ich möchte es genießen, ohne es ständig einordnen zu müssen.
Dazu gehören für mich die schönen Ereignisse genauso wie die schwierigen. Die leichten Tage und die schweren. Beides ist Teil davon, lebendig zu sein.
Ein Satz begleitet mich dabei schon lange:
A bad day for the ego is a great day for the soul.
Ich habe erlebt, dass gerade die Tage, an denen etwas nicht funktioniert, an denen Pläne scheitern oder Erwartungen enttäuscht werden, oft die sind, an denen sich etwas Wesentliches zeigt. Nicht angenehm. Aber ehrlich. Nicht bequem. Aber klärend.
Erklären hilft in solchen Momenten wenig. Was hilft, ist da zu bleiben. Zu fühlen, was da ist, ohne es sofort verändern zu wollen.
Ich lerne jeden Tag ein wenig mehr, mich selbst zu spüren. Nicht als Ziel, sondern als Prozess. Zu merken, wann etwas stimmig ist – und wann nicht. Zu erkennen, wo ich mir selbst ausweiche und wo ich beginne, mir näherzukommen.
Ein wichtiger Teil davon ist, immer mehr zu mir selbst zu stehen. Nicht im Sinne von Abgrenzung oder Recht haben, sondern im Sinne von Ehrlichkeit. Zu sagen: So fühlt es sich für mich gerade an. Ohne Erklärung. Ohne Verteidigung.
Gleichzeitig lerne ich, andere Menschen immer mehr lassen zu können, wie sie sind. Nicht alles verstehen zu müssen. Nicht alles einordnen zu wollen. Nicht jede Haltung bewerten oder korrigieren zu müssen.
Je weniger ich erkläre, desto mehr Raum entsteht. Für Begegnung. Für Unterschiedlichkeit. Für echtes Dasein.
Dieser Blog ist Ausdruck genau dieser Haltung. Er will nichts lehren. Er will nichts beweisen. Er will nicht erklären, wie das Leben funktioniert.
Er ist ein Ort für Erfahrung. Für Gedanken, die aus dem Erleben entstehen. Für Überzeugungen, die sich verändern dürfen.
Vielleicht findest du hier etwas, das dich begleitet. Vielleicht auch etwas, das dir widerspricht. Beides darf sein.
Das Leben muss nicht erklärt werden. Es will gelebt werden.



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