Über Rückzug
- Martin Dollhäubl

- 27. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Wenn ich stark getriggert werde, zeigen sich bei mir die gleichen drei Möglichkeiten wie bei vielen anderen Menschen:
Flucht.
Schockstarre.
Kampf.
Das sind keine bewussten Entscheidungen, sondern alte, tief verankerte Reaktionsmuster. Sie laufen ab, bevor der Verstand überhaupt einsetzt.
Lange Zeit habe ich geglaubt, dass der Kampf die „richtige“ Reaktion sei. Sich stellen. Aushalten. Dagegenhalten. Nicht nachgeben.
Heute sehe ich das differenzierter.
Momentan fühlt sich der Rückzug für mich am stimmigsten an. Nicht als Weglaufen. Nicht als Vermeidung. Sondern als bewusste Form von Selbstschutz.
Rückzug bedeutet für mich nicht, dass ich einer Situation ausweiche, weil ich sie nicht bewältigen könnte. Er bedeutet, dass ich erkenne, wann meine innere Stabilität gerade wichtiger ist als eine Reaktion im Außen.
Nicht jeder Kampf muss gefochten werden. Nicht jede Provokation verdient eine Antwort. Nicht jede Spannung muss sofort aufgelöst werden.
Es gibt Situationen, in denen ein Kampf notwendig ist. In denen Grenzen verteidigt werden müssen. In denen Wegsehen keine Option ist.
Aber es gibt auch viele Momente, in denen Kämpfen vor allem eines kostet: Energie. Und manchmal auch Verbindung – zu mir selbst.
Wenn ich merke, dass etwas mich stark triggert, ist das für mich ein Signal geworden. Kein Signal zum Angreifen. Sondern eines zum Innehalten.
Was berührt mich hier gerade wirklich? Was wird in mir aktiviert? Und bin ich in diesem Moment überhaupt in der Lage, klar und präsent zu bleiben?
Rückzug gibt mir Raum, mich wieder zu zentrieren. Zurückzukommen in meinen Körper. Zu spüren, was gerade da ist, ohne sofort handeln zu müssen.
Das ist kein passiver Zustand. Es ist ein aktiver Prozess.
Mich selbst ernst zu nehmen. Meine Grenzen zu respektieren und mir die Zeit zu geben, die ich brauche, um wieder aus einer inneren Mitte heraus zu reagieren – statt aus einem Reflex.
Ich habe gelernt, dass Stärke nicht immer darin liegt, standzuhalten. Manchmal liegt sie darin, einen Schritt zurückzutreten. Nicht, um klein zu werden, sondern um klar zu bleiben.
Rückzug ist für mich im Moment kein Endpunkt, sondern eine Vorbereitung. Ein Sammeln. Ein Ordnen.
Die Kämpfe, die wirklich geführt werden müssen, sollten auch geführt werden.
Mit Präsenz. Mit Klarheit. Mit innerer Ausrichtung.
Doch genau deshalb erscheint mir das Zentrieren gerade wichtiger. Denn ein Kampf aus Unruhe heraus ist selten ein guter Kampf.
Ich ziehe mich nicht zurück, um zu verschwinden. Ich ziehe mich zurück, um bei mir zu bleiben.
Und das fühlt sich im Moment richtig an.



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